4. Zielgruppen der Berufsschulsozialarbeit


Auf dem Weg von der Schule in die Berufswelt erleben die Jugendlichen zum ersten Mal die Konkurrenzsituation am Arbeitsmarkt. In der Berufsschule finden sich sowohl junge Menschen, die mehr oder weniger mühelos den Umstieg vom allgemeinbildenden Schulsystem in die Berufswelt geschafft haben, als auch jene, die aufgrund von Benachteiligungen keinen Ausbildungsplatz bekommen konnten.

Berufsschulsozialarbeit spricht grundsätzlich alle Schülerinnen und Schüler an, sie beschäftigt sich nicht nur mit den Problemfällen. Berufsschulsozialarbeit beteiligt sich aktiv am Schulleben und kann somit das Schulklima mit gestalten und präventiv wirken.

Die jeweilige Situation an der Berufsschule bestimmt die Handlungsfelder und Aufgabenschwerpunkte der Berufsschulsozialarbeit. Darüber hinaus legen Träger und Auftraggeber die Arbeitschwerpunkte fest und bestimmen die inhaltlichen Formen der Berufsschulsozialarbeit.

4.1 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz


Bisher blieb es weitgehend der Jugendhilfe vorbehalten, sich mit den "abweichenden" und "konflikthaften Fällen" zu befassen. Diese Situation hat sich insoweit verändert, als gerade bei den Jugendlichen ohne Ausbildung (in Berufsvorbereitungsklassen, in den JoA-Klassen, in Fördermaßnahmen usw.) ein großer Teil der Klientel der Jugendhilfe in der Berufsschule zusammengefasst ist.

Neben diesen Jugendlichen gelten heute auch solche als "berufsunreif", "schwer vermittelbar" und "lernunwillig", die vor Jahren noch ohne Schwierigkeiten einen Ausbildungsplatz gefunden hätten. Jugendarbeitslosigkeit wird als individuelles Versagen definiert - die Jugendlichen werden als Benachteiligte stigmatisiert.

Die Schule muss diese berufsschulpflichtigen Jugendlichen auf eine ungewisse Zukunft vorbereiten, indem sie sie mit sozialen und lebenspraktischen Kompetenzen ausstattet. Dies ist auch immer mehr Inhalt neuer Lehrpläne. Berufsschulsozialarbeit kann hier die Aufgabe haben Jugendliche an die Angebote zur Berufsvorbereitung der Arbeitsagentur, der Jugendhilfe oder anderer Anbieter heranzuführen.
 

4.2 Jugendliche mit Ausbildungsplatz


Im dualen Ausbildungssystem ist die Berufsschule der zentrale Lernort, der Theorie und Praxis verknüpft. Der Anteil des Berufsschulunterrichts beträgt zum Teil allerdings nur ein Fünftel der Ausbildungszeit. Damit sind die Möglichkeiten gering, den Schülerinnen und Schülern fehlende soziale Kompetenzen zu vermitteln und sie darin zu unterstützen, sich mit ihren Problemen adäquat auseinander zu setzen.
Die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen prägt den Berufsschulalltag. Für pädagogische Zielsetzungen und soziale Lerninhalte bleibt dabei nur wenig Unterrichtszeit.

Wegen der deutlich gestiegenen theoretischen Anforderungen durch die Neuordnung vieler Ausbildungsberufe baut der Unterrichtsstoff zwangsläufig auch bei gewerblichen Berufen auf dem Qualifizierenden Abschluss der Hauptschule auf und überfordert damit die Jugendlichen mit niedrigerem und fehlendem Schulabschluss. Zudem treffen sie in ihren Klassen oft auf Mitschüler mit völlig unterschiedlichen schulischen Abschlüssen. Jugendliche deren Muttersprache nicht Deutsch ist oder mit Lernproblemen scheitern häufig. Die Quoten der Ausbildungsabbrüche und das Nichtbestehen der Berufsabschlussprüfung sind zum Teil sehr hoch.

Die betriebliche Realität, der volle Arbeitstag, der Umgang mit Vorgesetzten, Kolleginnen, Kundinnen oder Patientinnen und die hohe Verantwortlichkeit für ihr Tun sind Erfahrungen, die für junge Menschen zu verarbeiten sind. Dazu kommen oft noch Erfahrungen mit negativen Arbeitsbedingungen, Nichteinhaltung gesetzlicher Schutzbestimmungen, Überstunden, Verrichtung von ausbildungsfremden Arbeiten, eingeengte oder überfordernde Tätigkeitsbereiche, ungerechte Behandlung durch Vorgesetzte oder Kollegen u.v.m.
 

4.3 Sozialisationsprobleme


Sowohl bei den Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz als auch bei Auszubildenden in vielen Berufsbereichen haben Lehrkräfte zunehmend große Schwierigkeiten im Unterricht. Disziplinprobleme, Leistungsverweigerung, Konzentrationsstörungen, aggressives Verhalten gegenüber Lehrkräften, Mitschülern oder Schulhauseinrichtungen nehmen zu. Zusätzlich sind Pubertätsprobleme, Kommunikationsprobleme, Ablösungsschwierigkeiten von der Familie, erste Partnerschaftskonflikte und Selbstwertkrisen an der Tagesordnung.